| |
|
|
Die Papierarbeit
ist vor dem Hintergrund der Ereignisse in Frankreich im Herbst 2005
entstanden. Der Satz L’arabe mis a nu par ses francais, meme (Der
Araber nackt entblößt von seinen Franzosen, sogar) perforiert
das amtliche Mitteilungsblatt Journal Officiel de la Republique
Francaise. Hier werden alle parlamentarischen Beschlüsse
bekannt gegeben, hier wird veröffentlicht wo und wann der von
der Regierung Chirac/Villepin/Sarcosy veranlasste Ausnahmezustand gilt
und was die Bürger zu beachten haben. Der hinzugefügte Satz
ist eine Adaption der duchampschen Arbeit La mariee mise a nue
par ses celibartaires, meme (Die Braut nackt entblößt
von ihren Bräutigamen, sogar).
Der Auslöser der
Ereignisse war der Tod zweier Jugendlicher auf der Flucht vor der
Polizei. Der Philosoph Gilles Deleuze würde die Aufstände,
die folgten vielleicht als „Fluchtlinien“ aus der Gesellschaft
beschreiben. Fluchtlinien sind nicht zwangsläufig revolutionär.
Fluchtlinien sind schöner, als Aufstände, weil sie eben
kein „Gegen“ besitzen – aber sonst die gleichen
Merkmale haben. Da es aber ein Gegen im Sinne von Wider gab, nenne
ich sie hier Widerstandslinien. Widerstandslinien derer, die von
dem gesamten gesellschaftlichen Feld, den PolitikerInnen und den
Medien – und anderen Unterhändler des staatlichen Dispositivs – zu
Unsichtbaren gemacht werden. Unsichtbare, die lediglich über
Körper verfügen. Beunruhigende und unkontrollierbare Körper.
Unsichtbare, die nicht die gemeinsame Erfahrung der Arbeit, sondern
die gemeinsame Erfahrung der Nicht-Arbeit und der Nicht-Bildung zur
Errichtung ihres losen Bündnisses ergriffen haben. Also nicht
die Linien der sozialen Arbeiterbewegung, oder anderer Stellvertreter
des Widerstands mit ausgearbeiteten Communiqués, nicht einmal
die des Lumpenproletariats, sondern die eines nicht mit sich selbst
identischen Körpers. Insofern, ging es bei den Ereigniss um
das Sichtbarmachen des eigenen „Nicht-Selbst“. Körperlose
Linien, die sich an signifikanten Orten (Banlieu), in spezifischen
Momenten (Nacht) und in erfinderischen Zuständen (im Aufspüren
abstrakt-repressiver Institutionen) zeigen – die ein Nicht-Verhältnis
in ein Verhältnis setzten.
Man sagt ihnen nach sie seien nihilistisch, das stimmt insofern,
als dass sie bereits längst erkaltete, unbelebte, emotional ausgehöhlte
und gleichwohl untote Werte verneinen. Man sagt ihnen nach sie seien unpolitisch,
das stimmt insofern, als sie dass nichts spezifisch forderten oder verneinten,
nichts verhandelten, außer die Überschreitung der Politik selbst.
Eine Überschreitung die ausgefüllt war mit Würde und Beherrschung,
eine Überschreitung die keine parlamentarische Forderung stellte und
dabei so etwas wie Realität sichtbar machte. Sichtbar wurde die sonst
undurchschaubare Verteilung, Verwaltung, Normalisierung und Ausschließung
dieser Körper im gesellschaftlichen Raum. Wo normalerweise Subjektivierung
folgt, wenn sich Aufstände gegen aktuelle Regierungsweisen oder die
Gesamtheit der Institutionen wenden, blieb hier nur eine Nicht-Subjektivierung
des Politischen zurück, es wurde keine gemeinsame Wesenseinheit erfunden.
Und so blieben die Unterhändler der staatlichen Dispositive, die versuchten
typisierenden Einteilungen vorzunehmen, erfolglos, da die Beteiligten weder
alle Muslime, noch alle Immigranten, noch alle Männer waren.
Falls, wie Michel Foucault sagt, die Dispositive der Macht aber nicht nur
normalisierend wirken, sondern auch Wahrheit konstituieren, handelte es sich
hier, durch die einfache Unterbrechung und die Nichtanwendbarkeit der Kategorien,
um das Auftauchen einer spezifischen Wahrheit die eben nicht mehr bloße
Formalität war.
|
|
The paper work originades against the backround of the events in France
in fall 2005. The sentence L’arabe mis a nu par ses francais,
meme (The Arab Stripped Bare by His French, Even) perforates the official
bulletin Journal Officiel de la Republique Francaise. In here every parliamentarian
decision is published, in here is published where and when the state
of emergency, occasioned by the government Chirac/Villepin/Sarcosy, applies
and what the citizens have to keep in mind. The added sentence is an
adaptation of the Duchampian work La mariee mise a nue par ses celibartaires,
meme (The Bride Stripped Bare by Her Bachelors, Even).
The catalyst for the events was the death of two youths fleeing from
the police. The philosopher Gilles Deleuze would certainly describe
the revolts
as a “flight” or as “lines of flight” out of society.
Lines of flight are not necessarily revolutionary. Lines of flight are
more beautiful than revolts, since they lack any opposition, yet otherwise
share the same features. Since there was an opposition here in the sense
of antithesis, I call them lines of resistance. They were the lines of
resistance of those who had been made invisible by the entire field of
society, the politicians and the media – and other mediators of the
state dispositive. Invisible people with nothing more than a body at their
disposal. Unsettling and uncontrollable bodies. The invisible ones who,
rather than the common experience of employment, clutch at the experience
of non-employment and non-education to charter their loose coalition. They
are in no sense the lines of resistance of the socially active workers’ movement
or of other representatives of the resistance with communiqués drawn
up, nor even of the lumpenproletariat, but rather those of a body that
is non-identical to itself. They are the lines of resistance of the making
visible of one’s own “non-self”. And thus they are incorporeal
lines that show themselves in significant sites (banlieu), in specific
moments (night) and in inventive circumstances (in searching out abstract,
repressive institutions) – that brought a non-relation into relation.
The lines of resistance were nihilistic insofar as they repudiated values
that have already long been frigid, lifeless, emotionally hollow and at
the same time undead. They were unpolitical insofar as they did not specifically
demand or reject anything, did not negotiate for anything, except for the
transcendence of politics itself – a transcendence filled in
with dignity and restraint, a transcendence that made no parliamentary
demands
and made something like reality visible. What was made visible was
the otherwise opaque distribution, administration, normalization and
exclusion
of bodies in the space of society. Where subjectification would normally
follow when revolts turn against current way of governing or the totality
of all institutions, here there remained only a non-subjectification
of the political, no common unifying essence was produced. The mediators
of
the state dispositive tried in vain to apply typifying classifications,
since the participants were neither all Muslims, nor all immigrants,
nor were they all men.
If, however, it is the case, as Michel Foucault says, that the dispositives
of power not only produce a normalizing effect but also constitute
the truth, then what we find here is, through the simple interruption
and non-applicability
of the categories, the emergence of a specific truth that is no longer
a mere formality. But the real has now long been reabsorbed.
|