das ist die idee – quodlibet

     
 

Bleistift auf Papier, A4

Pencil on Paper, A4


   
 


     
 

In order to make the connection between militancy and utopia comprehensible, I tried get to the bottom of the reasons for the emergence of the emancipative movements of the 1960s and 1970s; their attempts to organise, their methods and struggles. Without claiming to take a detached stance, I developed a series of pencil drawings that show “collective bodies” — heterogeneous groups of people that share a specific desire, yearning, similar thoughtfulness and frustration. The portraits of public assemblies are based on photographs and book illustrations that caught political moments from the late 1960s.

The kind of gatherings and the facial expressions suggest political confrontation and a collective search for change. One question is: Howis a movement portrayed and historicised in hindsight — a movement that the conservative writing of history intended to dismiss via its linear strategy of representation? What would be the correct “politics of representation” concerning a concrete attempt at social upheaval? An attempt at change that promised a different, liberated, non-bourgeois and therefore happier future, which today seems surprisingly oddly naïve.
I would assume that looking at the political context of the emancipative civil rights movements of the 1960s and 1970s — which seem by far more comprehensive than those today — mainly reveals their ability to be affected. This might confirm the assumption of what Giorgio Agamben calls impropriety: “Because if instead of continuing to search for a proper identity in the already improper and senseless form of individuality, humans were to succeed in belonging to this impropriety as such, in making of the proper being-thus not an identity and an individual property but a singularity without identity, a common and absolutely exposed singularity — if humans could, that is, not be-thus in this or that particular biography, but be only the thus, their singular exteriority and their face, then they would for the first time enter into a community without presuppositions and without subjects, into a communication without the incommunicable.”1.
Since the 1960s the discontinual subject-narrative and the objective-linear writing of history seem to stand in opposition to each other. The substantial question is to what extent history that presents itself in different ways shapes the future differently and to what extent different design methods produce a certain connection between history and future.
das ist die idee – quodlibet is a historic-cultural rather than political-analytical approach toward investigating protest movements. In addition to addressing the questions mentioned earlier, it emerges from the consideration that even “political art” turns political aims into consumable products, i.e. the question of which means fulfil which ends. Indifferent regarding their status, drawings, oriented on photography, are located between simulacrum and original: On the one hand they are a copy of a photograph, on the other hand they remain originals per se as part of the art domain.

1. Giorgio Agamben: The Coming Community, Minneapolis/London 2001, p. 64.5

Pencil on paper. A4. 2004 – 2005.

Exhibition: Annäherungen an das Glück (Rapprochements to Happiness). ACC Galerie Weimar 2004.

Text to take with: Thomas Seibert: Foucaults Ästhetik der Existenz. Die Beute: NOW! Black Panthers, Foucault, Hippies. Berlin Winter 1995.

 

 

   
       
     
       
       
       
     
       
     
         
 

Um den Zusammenhang von Militanz und Utopie nachzuvollziehen, habe ich den Entstehungsgründen, Organisierungsversuchen, Methoden und Kämpfen der emanzipativen Bewegung der sechziger und siebziger Jahre nachgespürt. Ohne Anspruch auf eine distanzierte Haltung ist eine Serie von Bleistiftzeichnungen entstanden, auf denen »Kollektivkörper«, heterogene Gruppierungen von Personen zu sehen sind, denen ein spezifisches Verlangen, eine Sehnsucht, eine ähnliche Nachdenklichkeit und Frustration gemein ist. Dargestellt sind auf Fotografien basierende, Buchillustrationen entnommene, gezeichnete Versammlungsszenen, die politische Momente aus der Zeit der Endsechziger dokumentarisch festhalten. Die Art der Zusammenkunft und der Ausdruck der Gesten suggerieren politische Konfrontation und eine kollektive Suche nach Veränderung. Eine Frage, die sich stellt, ist: »Wie« wird eine Bewegung im Rückblick dargestellt und historisiert, welche die konservative Geschichtsschreibung, mit ihren linearen Repräsentationsstrategien verwerfen wollte? Was wäre die richtige Repräsentationspolitik hinsichtlich eines konkret versuchten gesellschaftlichen Umbruchs? Ein Umbruchversuch mit der Verheißung einer anderen, befreiten, nicht bürgerlichen und damit glücklicheren Zukunft, der heute erstaunlicherweise seltsam naiv erscheint.

Der Blick auf die politischen Zusammenhänge der emanzipativen Bürgerrechtsbewegungen der sechziger und siebziger Jahre, die uns um vieles umfassender erscheinen als die heutigen, offenbart, so würde ich vermuten, vor allem ihr Vermögen zu affizieren und affiziert zu werden und bestätigt damit vielleicht die Annahme dessen, was Giorgio Agamben als Uneigentlichkeit bezeichnet:

»Wenn es den Menschen gelänge, statt weiterhin in der längst uneigentlichen und sinnlos gewordenen Gestalt der Individualität ihre Identität zu suchen, diese Uneigentlichkeit als solche anzunehmen, aus dem eigenen So-Sein nicht eine individuelle Identität und Eigenschaft zu machen, sondern eine identitätslose Singularität, eine gemeine, völlig ausgestellte Singularität – wenn die Menschen also vermögen würden, ihrem So-Sein nicht diese oder jene biographische Identität zu geben, sondern einzig das So zu sein, ihre singuläre Äußerlichkeit und ihr Gesicht, dann träte die Menschheit erstmals in eine bedingungslose Gemeinschaft ohne Subjekt ein, in eine Mitteilung, die nichts kennt, was nicht mitteilbar wäre.« 1.Seit den sechziger Jahren scheint die diskontinuierliche subjektiv-narrative Geschichtsschreibung der objektiv-linearen Geschichtsschreibung gegenüberzustehen. Es wird wesenhaft die Frage verhandelt, inwiefern Geschichte, die sich unterschiedlich darstellt, unterschiedlich zukunftsbildend ist und inwieweit verschiedene Gestaltungsmethoden einen bestimmten Bedeutungszusammenhang zwischen Geschichte und Zukunft erzeugen. das ist die idee – quodlibet ist ein eher historisch-kultureller, denn politisch-analytischer Ansatz zur Untersuchung der Protestbewegungen und entspringt, neben den angesprochenen Fragen, auch der Überlegung, dass auch »politische Kunst« politische Ziele zu konsumierbaren Produkten macht, also der Frage, welche Mittel welchen Zweck erfüllen. Indifferent im Hinblick auf ihren Status, befinden sich Zeichnungen, die sich an Fotografie orientieren, zwischen Simulakrum und Original: Sie sind einerseits Kopie einer Fotografie und bleiben andererseits in der Domäne Kunst per se dennoch immer Original.

1. Giorgio Agamben: Die kommende Gemeinschaft. Berlin 2003, S. 61

Bleistift auf Papier. A4. 2004 – 2005.
Installation. Gerahmte Zeichnungen. Sprühfarbe schwarz. Text zum Mitnehmen: Thomas Seibert: Foucaults Ästhetik der Existenz. Die Beute: NOW! Black Panthers, Foucault, Hippies. Berlin Winter 1995. Ausstellung: Annäherungen an das Glück. ACC Galerie Weimar 2004.