Les exclus

 

 
16mm Film transferred to DV, 9 min 17 sec, Germany, 2006
         
           
   

Of course I want to be as realistic as possible and use only the raw material from real life. Realism however is not just simply realism – the realistic surface is just a surface. Robert Bresson (1).


The film Les exclus appropriates figures, settings und texts from the Robert Bresson movie Le diable probablement (1976) and continues to discuss the events in the French banlieues in November 2005. Together with friends, shot in only one day, the film discuses the language of politics. And further: who and what determinates an event? What kind of ability motivated the French kids in their action? And if the real, that elsewise seams to be invisible, got visible for a short period of time?


The selected scene is set in a public bus - an everyday situation. The routine practices are represented in blow-by-blow by multiple reenactments, i.e. the postmarking of the bus tickets. The method of doubling produces a strangely stylized realism that allows the viewer, especially in this scene, to perceive the violence of the ordinary that is maintained by precise control and from which there doesn’t seem to be an escape. The overemphasis of the ordinary in its strange hardness produces something like disparity, a non-similarity, an alienation with what we see. In the French banlieues it was also the violence of the ordinary, in its relentlessness, where the alienation from the living conditions turned over into a direct action.


Les exclus should be understood as an appropriation of reality through film. Even though Le diable probablement looks back on the events of May’68 in Paris, it is the opposite of a dramatic event. In the story, Charles, a young man around of the age of twenty, watches his friends fight against the destruction of the planet and the structures of power while getting entangled in conformity and the betrayal of their own wishes. Charles resists the idealistic morals (of the victim) and the cynical agreement of his activist contemporaries. He says: “I don’t ask for anything, if I did I’d be useful in a world that I despise.” The film is testing the idea of whether young people can resist the monstrous, self made urge for the death of late capitalism when they are deprived of all systems of convictions. The amateur actors, who are called “models” by Bresson, are withheld from any complicity with the film or with what is common in professional acting. Bresson distances and isolates his models – in Le diable probablement there is nothing left but the cold fact of one’s own self. However, “the point is that Charles’ suicide is not pathological but courageous and exemplary. Similarly; the suicide by burning committed by a sixteen year old boy who poured petrol over himself in the court yard of his school in the North of France on a beautiful summer’s day.“Firstly Le diable probablement has been prohibited for visitors beneath eighteen [...] I have made this film with young people for the youth. This film is a bitter chunk, because it is direct and without evasion. Charles can feel great pleasure to sense the nothingness, to do nothing, to be a zero in the consumer society, that he nauseates.” (2).


In the selected scene Charles talks to his friend Michel: “Governments are short sighted.” Without being invited other passengers join in the conversation. One of them says (in order not to put all responsibility on the government): “It’s the masses who determine what happens.” “So who is it then, who makes humanity become a farce? Who leads us up the garden path?” The first passenger replies with unequivocal irony: “The devil, probably.” At this moment the bus stops, being surrounded by a cacophony of the beeping horns of other cars.

 

 

Ich möchte natürlich so realitisch wie möglich sein und nur rohes Material aus dem realen Leben nehmen, aber Realismus ist nicht nur einfach Realismus – die realistische Oberfläche ist eben nur eine Oberfläche. Robert Bresson (1).

Der Film Les exclus übernimmt Figuren, Einstellungen und Texte aus dem Robert Bresson Film Le diable probablement (1976) und nimmt weiterführend Bezug auf die Ereignisse in den Pariser Vorstädten 2005. Zusammen mit Freunden, und in nur einem Tag aufgenommen, diskutiert der Film die offizielle Sprache der Politik. Und weiter: wer und was ein Ereignis determiniert, welches Vermögen die Jugendlichen motiviert und ob das Reale, das sonst unsichtbar scheint, für kurze Zeit sichtbar wurde.


Die Szene findet in einem Linienbus statt - eine alltägliche Situation. Die alltägliche Handlungen werden detailiert - durch mehrfaches Wiederholen z.B das Abstempeln der Fahrkarten - vorgeführt. Die Verdoppelung vermittelt einen seltsam stilisierten Realismus, der die Möglichkeit gibt, die Gewalt des Alltäglichen, die durch minutiöse Kontrolle aufrechterhalten wird und aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, wahrzunehmen. Die Überbetonung, des Alltäglichen in seiner Härte kann eine Distanzierung mit dem was wir sehen hervorrufen. In den Banlieus war es gleichfalls der Alltag, in seiner Härte, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint, wo dann die Distanzierung von den Lebensumständen in eine direkte Handlung überschlug.


Les exclus ist als Aneignung von Wirklichkeit mittels Film zu verstehen. Selbst wenn Le diable probablement auf den Pariser Mai’68 zurück schaut,ist er das Gegenteil eines dramatischen Ereignisses. In der Erzählung beobachtet Charles, ein junger Mann um die Zwanzig, seine Freunde, wie sie versuchen, die Zerstörung des Planeten aufzuhalten, gegen hegemoniale Strukturen zu protestieren und sich dabei in Konformismus und im Verrat ihrer Wünsche verfangen. Charles widersteht der idealistischen Moral und dem zynistischen Einverständnis seiner aktivistischen Zeitgenossen und sagt: „Ich verlange nichts - wenn ich‘s täte, wäre ich nützlich in einer Welt, die ich verabscheue.“. Der Film erprobt die Idee ob junge Menschen dem monströsen, handgemachten Todestrieb des Spätkapitalismus widerstehen können, wenn ihnen jedes Überzeugungssystem entzogen wird. Vorenthalten wird den LaiendarstellerInnen, die Bresson als „Modelle“ bezeichnet, jede Komplizenschaft mit dem Film selbst, Bresson distanziert und isoliert seine Modelle – in Le diable probablement bleibt nichts übrig außer das kalte Faktum des eigenen Seins. Dennoch: „Worauf es ankommt, ist, dass der Freitod von Charles nicht krankhaft, sondern mutig und exemplarisch ist. Genau wie jener Freitod durch Verbrennung, den ein Junge von sechzehn Jahren eines schönen Sommermorgens beging, der sich auf dem Hof seiner Schule im Norden Fankreichs, mit Benzin übergoß. Le diable probablement wurde zunächst für Besucher unter achtzehn Jahren verboten [...] Ich habe diesen Film mit jungen Leuten für die Jugend gedreht. Dieser Film ist ein harter Brocken, weil er direkt und ohne Ausflucht ist. Charles kann ein großes Vergnügen darin verspüren, das Nichts zu empfinden, nichts zu tun, eine Null zu sein in der Konsumgesellschaft, die ihn anwidert“ (2).


In der ausgewählten Szene spricht Charles zu seinem mitreisenden Freund Michel: „Regierungen sind kurzsichtig.“. Ungefragt steigen andere Passagiere in die Diskussion mit ein. Einer sagt (um nicht die Regierung allein verantwortlich zu machen) „Es sind die Massen, die die Ereignisse bestimmen.“ „Also wer ist es, der eine Farce aus der Menschlichkeit macht? Wer führt uns an der Nase herum?“. Der erste Passagier antwortet mit unmissverständlicher Ironie: „Der Teufel, möglicherweise.“. In dem Moment bremst der Autobus inmitten einer Kakophonie von hupenden Autohörnern.

 

1. Robert Bresson, Reihe Hanser, München 1978

(2) ebd., S. 80

 

           
       
           
       
 
       
 
       
           
       

 

 

 

   

 

Um die Leute zu beruhigen, muss man das Offensichtliche leugnen.

Was ist offensichtlich? Nichts ist offensichtlich. Alles ist Übernatürlich.

Du bist unglaublich!

Die Regierungen leugnen die Missstände und erzeugen Tatsachen, indem sie Gesetze erlassen die aus Recht Unrecht machen.

Regierungen sind kurzsichtig.

Ihre Sprache verändert unser Leben. Kaum sind ihre Worte ausgesprochen werden sie zu Dingen, zu kleinen Objekten, zu Mini-Monumenten, die in unser Leben eingreifen. Sie wissen das.

Beschuldigen Sie nicht die Regierungen! Keine Regierung der Welt kann sich damit rühmen zu regieren. Es sind die Massen, die die Ereignisse bestimmen.

 

 

 

 
   

 

     
       
   

 

Jene obskuren Kräfte, deren Gesetze unerklärlich, die unmöglich zu begreifen sind und die den Regierungen Probleme bereiten.

 

     
       
   

 

Es sind die Gefühle, die die Begebenheiten herbeiführen. Die Gefühle der Menschen in den Banlieues werden fortwährend verletzt.

Die missachteten Gefühle setzen die Autos, die Läden, die Kindergärten und die Schulen in Brand.

Aber sie plündern die Läden nicht, bevor sie sie anzünden. Das deutet Unregierbarkeit an.

 

     
         
   

 

Die Leute wissen wo der Hase lang läuft, sind aber zugleich naiv und offenherzig.

Sie sind misstrauisch.

Ich auch. Aber die viel stärker.

 

     
         
   

 

Sie haben die Erfahrung dessen gemacht, was Möglich ist.

Die Jungs haben sich selbst als Ereignis begriffen.

Es braucht zig tausende verbrannte Autos und x Schulen und Läden, um das Reale nicht als bloße Formalität zu erkennen.

 

     
         
   

 

Das ist wahr, aber das Reale ist längst wieder in Beschlag genommen.

Ja, etwas treibt uns an, gegen das was wir sind.

 

     
         
   

 

Und wir müssen mitgehen.

 

     
         
   

 

Wer ist es also, der eine Farce aus der Menschheit macht? Wer führt uns an der Nase herum?

 

     
         
           
       
   

 

Der Teufel möglicherweise.