Revolutionäre - es gibt keine Revolution!


Die neue Arbeit von Elke Marhöfer entstand 2002 während ihrer Teilnahme am Independent Study Program des New Yorker Whitney Museum of American Art und bezieht sich auf die Installation The Tomb (The Death of a Hippie) (Die Grabstätte - Der Tod eines Hippies), die der US-amerikanische Künstler Paul Thek 1967, im Geburtsjahr von Elke Marhöfer, zum ersten Mal im Whitney Museum ausstellte. Theks künstlerische Position in diesem sozio-politischen Selbstportrait über die damalige gesellschaftliche Situation könnte man als symbolischen Punkt des Umbruchs von der Hippiekultur zur radikaleren politischen Bewegung der 68er ansehen. Ob Ende der 1960er das Startsignal für eine solche Bewegung gesetzt wurde und derlei Brüche in der Geschichte tatsächlich existieren, wie solche Entwicklungen forciert und Menschen dafür aktiviert werden können, ob es heutzutage überhaupt weitgreifende politische Forderungen in der westlichen Hemisphäre gibt oder der Revolutionär nicht vielmehr als Konsument von seiner Gesellschaft verschluckt wird, wann das Sich-zur-Wehr-setzen, das Protestieren, der Straßenkampf als radikalisierte Position zum Terror werden kann und was die Gesellschaft zur Radikalisierung von Terror beiträgt - diese Fragen wirft Elke Marhöfer in ihrem vierteiligen Remake révolutionaires, il n'y a pas de révolution! (Revolutionäre - Es gibt keine Revolution!) auf. Gedanklich angelegt ist es als "Geistergespräch", als Kontaktaufnahme mit toten Revolutionären, um politische und kulturelle Umstände vom Leben und Tod um 1967/68 nachhaltiger einschätzen und dabei über das gegenwärtige Verlangen nach einer politischen Bewegung nachdenken zu können. Im Mittelpunkt der Installation steht die menschengroße Wachsfigur einer jungen Frau als das Motiv einer toten Revolutionärin (oder des zu früh für die Sache gestorbenen Revolutionärs: Rosa Luxemburg, Rudi Dutschke, Benno Ohnesorg, Jan Palach, Carlo Giuliani der 2001 in Genua starb), die jedoch weniger das Opfer von Gewalt zu sein scheint, sondern deren Gesichtszüge von Erschöpfung zeugen. An einer Halskette trägt sie einen abgebrochenen Finger - ebenfalls eine Reminiszenz an Thek, dessen als verschollen geltender Wachs-Hippie nach Aussage von Mike Kelley alle Finger abgeschnitten und an einer Kette um den Hals gehangen bekam. Das Mädchen scheint unter klaustrophobischen Umständen in einer kistenartigen Schrankzellenwohnung gestorben zu sein, deren Pressspanwände um sie herum auf dem Boden liegen, eine Anspielung an eine Erzählung von Georges Bataille, in der sich die jugendliche Marcelle nach ihrem Scheitern an der restriktiven Gesellschaft in einem Schrank umbringt. Gepaart mit dem französischen Ausstellungstitel - als Bezug zum Ursprungsland der "erfolgreich gescheiterten Revolution von 1968" (Marhöfer) - und einer roten Fahne im Hintergrund weckt die Tote Assoziationen zu Marie Antoinette (und deren erstmalig in der Geschichte in Wachs geformtes, guillotiniertes Haupt), Delacroix’s zur barrikadenstürmenden Marianne, aber auch zu Ulrike Meinhof. Die Wachsfigurenästhetik als leicht konsumierbares historisches Erbe zur originalgetreuen Wiedergabe einer realen historischen Vorlage spielt seit jeher eine dominante Rolle in der Spektakelgesellschaft. Drei weitere Werkfragmente suchen den Weg heraus aus dem nostalgisierend-romantischen Revolutionsklischee ins Zeitgenössische, unserer vermeintlich unpolitischen Gegenwart: Beispielsweise wurden mehrere Dutzend wie Schulbankkritzeleien anmutende Bleistiftzeichnungen auf den Kistenwänden einer Fotosammlung aus dem Internet entlehnt. Es sind ihres Inhalts, ihrer Substanz entledigte Umrisszeichnungen von Demonstrationsteilnehmern anlässlich des G8-Treffens von Genua 2001, dessen straßenkampfartige Bilder vom gipfelbegleitenden Antiglobalisierungsprotest um die Welt gingen. Da im Netz mehrfach wahrgenommen, tauchen sie auch in musterartiger Vervielfältigung auf den Spanplatten auf. Aber nicht nur das Netz wurde nach Kollaboration befragt, auch Freunde trugen zur Vollendung der Installation bei. Carissa Rodriguez (New York) gestaltete nach Ansichtnahme zahlreicher Dokumentar- und Spielfilme die Kleidung der Revolutionärin und stellt damit einen weiteren, entnostalgisierenden Zeitbezug her. Die Hip-Hopperinnen TJ Free und DJ Franz (beide New York und Mexiko City), komponierten und sangen einen Song mit einem Text von Elke Marhöfer und John Kelsey (New York), der den dritten Teil der Arbeit ausmacht und, wenn der Funke überspringt, zum Nachdenken über gesellschaftliche Missstände motiviert wie auch heutige Fragen zu Protest und revolutionärem Kampf aufwirft. Die Strategie der Aneignung anderer künstlerischer Ideen, um sie durch ihre Multiplikation verfügbar zu machen, nutzte Elke Marhöfer für den vierten Teil der Installation. Die Baader-Meinhof-Buchdokumentation Pictures on the run (Hans und Gretel) des RAF-Mitglieds Astrid Proll kopierte und verstreute sie als Lose-Blatt-Sammlung auf dem Erdboden um die tote Revolutionärin herum. Die Fotos dokumentieren die Polizeivorführungen von Gudrun Ensslin neben weiteren Polizeifotos, schildern aber auch den jugendlichen Alltag des Freundeskreises um die später als Terroristen gebrandmarkten Baader, Proll, Meinhof und Ensslin.


Frank Motz 2002