Der Souverän

 

 

Gespräch zwischen Friedrich Kittler und Elke Marhöfer, Januar 2003 (Ausschnitt)


Elke Marhöfer: Meine erste Frage ist, wenn die Souveränität des Subjektes nur als eine Konstruktion von Bedeutung ist und es nur ein situativ inszeniertes politisches Subjekt geben kann – wie sollte das aussehen? Können wir uns „an-und ausschalten“ und ist das wünschenswert? Meine zweite Frage, die daran anschliesst, wäre: sind, wie Hannah Arendt sagt, nur Flüchtlinge eigentlich politische Wesen – denen aber, weil sie das Politische besonders benötigen, es ihnen gerade deshalb entzogen wird? Wenn nur das politische Subjekt souverän ist – sind alle die, die außerhalb des Politischen stehen, gefährdet?

 


Friedrich Kittler: Ich gehe immer ein bisschen davon aus, ob die tragenden Fremdworte griechisch oder lateinisch sind und in ihren Fragen fällt mir ein einziges griechisches Wort auf: Polis – motaea. Alles andere ist römisch und das macht einem natürlich Sorgen über die Begrifflichkeiten - mir zumindest, weil die Römer sind ja ein grässlich wehrbares Volk gewesen, so ein bisschen wie die Serben heute, die auch ihre Nachbarn terrorisieren. Es ist klar, das der Souverän immer nur einer über den Unterworfenen sein kann, ob es nun modern französisch souverain heißt, dann kommt es eben von Superius - der Obere, oder mittel- und altfranzösisch ist es glaube ich suzerain. Und folgt, das das Subjekt natürlich eine schändliche lateinische Übersetzung von hypokremnon ist. Hypokremnon, das ist wie die Welt vor unseren Augen liegt, sie liegt Zugrunde. Daraus machen Descartes und andere Gangster komischerweise das Subjekt, also genau das Gegenteil von dem, was die Griechen meinten, nämlich das Anwesen der Berge, der Steine, der Landschaften, des Meeres - und plötzlich sind wir selber als Subjekte da. Die Souveränität des Subjektes ist natürlich geliehen, wie Michel Foucault immer so schön gesagt hat, durch eine scheinbare Totalisierung von dem Souverän des Mittelalters herunter bis auf jeden einzelnen Bürger. Ich glaube das hängt sehr wunderbar mit ihrer zweiten Frage zusammen: diese Benamsung, diese Benennung verdeckt eben etwas, das was sie hier zum Beispiel Flüchtlinge nennen. In demselben Maße, wie wir alle in diesen „Demokratien“, die ja bloß noch so heißen, zu souveränen Bürgern erklärt werden, das war ja in Griechenland mit den Sklaven oder in Rom auch nicht anders, entstehen eben automatisch Klassen von Unterworfenen, Flüchtlingen und Gastarbeitern, die nicht in denselben Begriff aufgenommen sind. Insofern ist der Begriff superior eben traurigerweise immer wahr. (...) Ich finde man muss es historisch sehen, warum wir als Deutsche alle so eine merkwürdig souveräne Macht in uns fühlen. Deswegen fällt mir so ein Wort wie ‚Konstruktion’ immer schwerer, weil das ist so transzendental idealistisch gedacht ist, als ob jede und jeder Einzelne sich da stilisieren kann, sie sagen 'situativ inszeniert', ich würde eher mit Martin Heidegger 'situativ geworfen' sagen. Wir kommen da kaum heraus. (...) Wir können uns sicherlich an- und ausschalten. Vielleicht in der Weise, dass wir uns manchmal ausschalten aus diesen Machtstrukturen – aber das fällt wahnsinnig schwer.

 


EM: Wenn man davon ausgeht, dass Souveränität nur funktioniert wenn sie inszeniert ist, weil man den Begriff problematisch findet, bleibt dennoch die Frage wie man ein politisches Verlangen äußern kann. Denn man muss sich, wenigstens für kurze Zeit, als souveränes Subjekt seiner Wünsche darstellen. Nehmen wir Straßenproteste – Leute gehen auf die Straße und sagen: „wir sind gegen Globalisierung und Kapitalismus“, dazu bedarf es ein souveränes Subjekt das eine Behauptung aufstellt und sagt: „ich habe eine Wahrheit“.

 


FK: Unbedingt, sie haben völlig recht, ich habe erstmal so historische Quakelen über den historischen Subjektbegriff gemacht, es ist vollkommen klar, dass in einem schlichten, ganz unetymologischen Wortsinn ohne Souveränität niemand von uns irgendetwas mit Anstand vollziehen, tun, sprechen und handeln kann. Souveränität? Souverän, das ist äußerst schwer, wenn man es im guten Wortsinn versteht. Protest, will mir fast scheinen, ist immer noch die andere Seite der Lüge. Es müssten noch souveränere Formen des Nein, des politischen Verlangens gefunden und einfach die nackte Wahrheit gesagt werden. Die kann man aber eben nicht so elegant und formelartig in dem einen Satz zusammenfassen. Was wäre souverän? Was ist das? (...)

 


EM: Denken sie, dass es ein reales politisches Verlangen in der westlichen Hemisphäre gibt oder konstituiert sich das politische hier nur von "außen" in Reaktion auf die "hereinströmende" Welt und ist daher zwangsläufig reaktionär?

 


FK: Fürchten sie nicht, dass es ein Verlangen nach Weltherrschaft gibt? Das wir nicht bloß „reaktionär“ sind, sondern uns die Welt als Untertan gemacht haben, wie es uns das schlimmste aller Bücher uns geheissen hat.

 


EM: Der Gedanke geht eher aus der Frage hervor, ob sich mit dem nationalen Denken, auch das Politische als solches auflöst? Insofern scheint es, als würde das Politische jetzt nur noch von außen an “uns” herangetragen, wie es am 11/9 in New York geschehen ist.

 


FK: Aber wir tun doch auch ständig etwas. Es ist doch nicht der erste Versuch, jemanden im Nahen Osten zu stürzen. Zum Beispiel Dr. Mossadeq (1) der, 1953 gestürzt wurde, weil er im Iran die Ölquellen verstaatlichen wollte und da ist die CIA einfach direkt einmarschiert und das hat sich x-mal wiederholt und das sind einfach Akte der Aggression und der Besitzstandswahrung oder Erweiterung. Was haben denn die Amerikaner auf den Flughäfen in Usbekistan zu suchen?

 


EM: Das ist schon klar, dass es permanent strategisches agieren gibt.

 


FK: Das nennen sie nicht Politik?

 


EM: Nein.

 


FK: Sie nennen Politik auch das, was wir selber tun und nicht nur das was unsere Staaten und Regierungen tun?

 


EM: Ja.

 


FK: Da haben sie dann wahrscheinlich recht. Anstelle von Politik ist eine allgemeine Unzufriedenheit getreten, ein schleichendes – Malaise – das Unbehagen in der Zivilisation, das ist ein geliehener Begriff von Sigmund Freud.

 

 

(1) 1951 nationalisiert Premierminister Dr. Mohammad Mossadeq iranische Erdölindustrie. 1953 Sturz der liberal-demokratischen Regierung von Dr. Mossadeq im Iran durch den vom CIA organisierten Putsch und Wiederherstellung des Polizeistaats des Schah-Regimes. Quelle: bbc-news http://news.bbc.co